Schnecken sind langsam, schleimig und für viele Menschen nicht gerade schön. Clara (ihr vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) sieht das anders. Die 14-Jährige hat einer Schnecke ein englisches Gedicht gewidmet und sie später in einem Acrylgemälde festgehalten. Wer Clara zuhört, merkt schnell: Ihre Geschichte handelt weniger von Schnecken als von uns Menschen.
Wenn eine Schnecke Vertrauen fasst
Es ist ein kleiner Moment, den man leicht übersehen könnte: Eine Schnecke sitzt auf einer Hand. Zunächst bleibt sie in ihrem Haus, dann streckt sie vorsichtig ihren Körper heraus. Für Clara ist diese Bewegung mehr als das Verhalten eines Tieres. Sie verbindet damit ein Gefühl, für das sie in einem Gespräch nur schwer Worte findet.
„Es ist ein Gefühl, bei dem mein Herz immer sensibler wird, wenn ich Garry auf der Hand halte und er sich zutraut, aus seinem Haus zu kriechen“, erzählt sie.
Clara lebt mit ihrer Mutter und Schwester in Süddeutschland und besucht eine Waldorfschule. Sie liebt Musik, Computerspiele und den Umgang mit Menschen. Sie spricht mehrere Sprachen; ihr Gedicht über Garry hat sie auf Englisch geschrieben. Die Begegnung mit Schnecken während eines Schullandheimaufenthalts gab dem Thema eine besondere, ganz konkrete Gestalt. Dass erst der Text entstand und später das Gemälde, erzählt sie im Interview.
Die Worte des Gedichts sind denkbar einfach. Gerade deshalb lohnt es sich, sie zunächst ohne jede Erklärung zu lesen.
„Garry“ – ein Gedicht von Clara
This is Garry.
Garry is a snail.
I like snails, they are cute.
People don’t like snails, because
they are slow.
That’s okay.
I like Garry, he is a snail. Snails are
cute.
People don’t like snails, because
they are slimy.
That’s okay.
I like Garry, he is a snail. Snails are
cute.
People don’t like snails, because
they don’t look cute.
That’s okay.
I like Garry.
He is a snail.
Snails are cute.
Garry is a cute snail.
I like him, because he is slow.
I like him, because he is gentle.
I like him, because he is cute.
I like him, because he doesn’t
judge.
I like him, because he doesn’t
care how I look like.
I love Garry. He is a snail.
Englisches Original; Schreibweise und Zeilenumbrüche nach Claras Vorlage.
Fünf Fragen an Clara
Clara, wie sind Garry und das Bild entstanden – war zuerst die Schnecke, das Gemälde oder der Text da?
Zuerst war der Text da. Danach habe ich das Gemälde gemalt.
Was magst du an Garry besonders, und warum ist gerade eine langsame und sanfte Schnecke für dich so liebenswert?
Ich mag an Garry seine kleinen und empfindlichen Augen. Ich mag, dass er keine persönliche Meinung über Aussehen oder Persönlichkeit hat. Ich mag, dass er langsam und eher neugierig ist als schüchtern und ängstlich.
In deinem Text sagst du, dass Garry nicht urteilt und dass es ihm egal ist, wie du aussiehst. Warum ist dir das wichtig?
Mir ist das wichtig, da zu oft in der realen Welt über Aussehen beurteilt wird und nicht nur nach der Persönlichkeit.
Gibt es Gedanken oder Gefühle, die du durch Malen und Schreiben leichter ausdrücken kannst als in einem Gespräch?
Ja, es gibt Gedanken und Gefühle, die ich durch Malen oder Zeichnen besser ausdrücken kann als im Gespräch. Es ist ein Gefühl, bei dem mein Herz immer sensibler wird, wenn ich Garry auf der Hand halte und er sich zutraut, aus seinem Haus zu kriechen.
Was sollen Menschen fühlen oder verstehen, wenn sie dein Bild sehen und deinen Text über Garry lesen?
Menschen sollen verstehen, dass es in meinem Gedicht nicht nur über Schnecken geht, sondern darum, dass eine Schnecke Dinge tun kann, die manche Menschen nicht können. Zum Beispiel beurteilen nach der Persönlichkeit und nicht nach dem Aussehen. Es muss nicht immer Aggressivität sein, um die schlechte Seite von Leuten kennenzulernen.
Was der Blick auf Garry verändert
Was Clara über Garry sagt, ist in einem Punkt sehr präzise: Sie möchte nicht, dass Menschen nur auf das Äußere achten. Das Gedicht verhandelt diesen Wunsch ohne große Begriffe. Immer wieder sagt die Sprecherin, was andere an Schnecken stört: Sie sind langsam, schleimig, für manche nicht hübsch genug. Ihre Antwort darauf lautet: „That’s okay.“
Dieser kleine Satz ist bemerkenswert. Clara verlangt nicht, dass alle Schnecken mögen müssen. Sie lässt anderen ihre Meinung – und behält ihre eigene. Wer ihre Verse liest, begegnet einer Form der Toleranz, die keine Übereinstimmung voraussetzt.
Noch interessanter ist eine Umkehrung im Text. Zunächst wird Garrys Langsamkeit als Grund für Ablehnung genannt. Wenige Zeilen später ist genau diese Langsamkeit ein Grund für Claras Zuneigung. Nicht die Eigenschaft hat sich verändert, sondern der Blick auf sie. Was als Makel gelten kann, wird zu etwas Liebenswertem.
Dann verschiebt sich die Perspektive. Clara spricht nicht mehr nur darüber, wie Menschen eine Schnecke ansehen. Sie schreibt, dass Garry nicht über sie urteilt und dass ihm gleichgültig ist, wie sie aussieht. Das Tier wird damit zur stillen Gegenfigur einer Welt, in der Menschen andere Menschen nach Äußerlichkeiten beurteilen.
Natürlich ist Garry kein kleiner Philosoph. Eine Schnecke urteilt nicht über menschliche Schönheitsideale, weil sie dafür gar keine menschlichen Maßstäbe besitzt. Die philosophische Frage entsteht erst durch Claras Deutung: Warum fällt uns Menschen etwas so schwer, das in ihrer Begegnung mit Garry überhaupt keine Rolle spielt?
Ihr Bild ergänzt diesen Gedanken auf eine andere Weise. Im Gedicht argumentiert Clara mit Wiederholungen, im Gemälde gibt sie ihrem Blick auf Garry eine sichtbare Form. Das Originalgemälde sollte den Beitrag begleiten. Nicht als Illustration einer fertigen These, sondern als eigenständiger Ausdruck dessen, was Clara empfindet.
Vielleicht ist es manchmal ganz einfach
Man könnte aus diesem Gedicht eine lange Abhandlung über Vorurteile, Schönheitsnormen oder das Anderssein entwickeln. Clara benötigt dafür nur ein paar kurze Zeilen. Sie findet Garry liebenswert, nicht trotz seiner Langsamkeit und seiner Eigenarten, sondern auch ihretwegen.
Eine Schnecke wird die Welt nicht verändern. Aber vielleicht kann der Blick einer 14-Jährigen auf eine Schnecke etwas an unserem Blick aufeinander verändern. Auf den Mitschüler auf dem Pausenhof, auf die Kollegin am Arbeitsplatz. Vielleicht sogar dort, wo es um die großen Fragen von Krieg und Frieden geht.
Das wäre schon eine ganze Menge.


