Blickwinkel · Wirtschaft

Klassischer Liberalismus: Die Ordnung, die Innovation möglich macht

Ralf M. Ruthardt

Wer Wohlstand für viele Menschen will, darf Innovation nicht nur beklatschen. Er muss die Bedingungen einfordern und verteidigen, unter welchen Innovationen entstehen können. Ich spreche hier nicht von Subventionen, Genehmigungsvorbehalt oder Industrieplan. Vielmehr geht es um Eigentum, Vertragsfreiheit, offene Märkte, Haftung, Wettbewerb und um einen Staat, der Recht setzt, statt Ergebnisse vorzuschreiben.

Friedrich August von Hayek hat dafür eine bis heute starke Begründung geliefert. In „The Use of Knowledge in Society“ zeigte er, dass das wirtschaftlich entscheidende Wissen nie vollständig in Ministerien, Expertenräten oder Datenbanken vorliegt. Es ist in den konkreten Umständen von Zeit und Ort verstreut bei Ingenieuren, Entwicklern, Gründern, Einkäufern, Verkäufern, Kunden und vielen anderen. Preise, Gewinne und Verluste sind deshalb nicht bloß Marktgrößen. Es sind Signale. Sie zeigen, wo Knappheit herrscht, wo ein Bedürfnis übersehen wurde und wo eine bessere Lösung möglich ist.

Noch klarer wird das in Hayeks Begriff vom Wettbewerb als „Entdeckungsverfahren“. Wettbewerb ist kein Zustand, den Behörden modellieren. Er ist ein Verfahren, durch das Menschen Dinge herausfinden, die vorher niemand wissen konnte: Welche Technologie funktioniert? Welcher Prozess spart Zeit? Welches Produkt wird gebraucht? Welche Idee scheitert? Innovation entsteht nicht aus der Gewissheit politischer Planer, sondern aus Versuch, Risiko, Irrtum und Rückmeldung.

Ich habe diesen Zusammenhang nicht nur theoretisch kennengelernt. Als Unternehmer und Gründer mehrerer innovativer Unternehmen in der Prozessautomatisierung habe ich erlebt, wie Fortschritt entsteht: Nicht am grünen Tisch, sondern im Kontakt mit realen Problemen. Basierend auf künstlicher Intelligenz ging es 2002 um Technologien zur Dokumenteninterpretation in Verbindung mit Genehmigungs-Workflow für die Eingangsrechnungsbearbeitung. Das ist nur ein Beispiel zur Veranschaulichung.

Allen meinen Innovationen war eines gemeinsam: Produktivität entstand dort, wo Kundenbedarf, technisches Wissen, unternehmerisches Risiko und Marktdruck zusammenkamen. Kein Amt hätte vorab exakt bestimmen können, welche Lösung wann marktreif ist. Kein Förderbescheid ersetzt den Moment, in dem ein Kunde sagt: Das spart uns Zeit, Fehler und Kosten.

Produktivitätszuwachs ist kein Luxus für Unternehmer. Er ist die Voraussetzung dafür, dass Reallöhne steigen, Preise sinken, Arbeit sinnvoller genutzt wird und dadurch Wohlstand bei den Menschen ankommen kann. Eine Gesellschaft, die Innovation durch Misstrauen, Bürokratie und moralische Dauerverdächtigung stranguliert, verteidigt nicht die Schwachen. Sie verbaut ihnen Aufstiegschancen.

Der klassische Liberalismus ist deshalb keine nostalgische Ideologie. Er ist eine nüchterne Wohlstandsordnung. Er traut Menschen zu, Wissen zu nutzen, Verantwortung zu tragen und Neues zu wagen. Wer Hayek ernst nimmt, versteht: Freiheit ist nicht das Gegenteil von Ordnung. Freiheit ist die Voraussetzung jener Ordnung, in der Innovation, Produktivität und dadurch Wohlstand möglich werden. Oder im hayekschen Sinn weitergehend formuliert: Freiheit statt Knechtschaft! In Folge von Freiheit kommt es zur Machtverteilung, gewinnen Persönlichkeitswerte an Bedeutung, erlebt man mehr Interessenharmonie – und zu Ende gedacht sprechen wir über Frieden.

Nun, Freiheit braucht Mut, sich in diesem Sinne zu Wort zu melden. Werden und bleiben wir mutig!

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