Leitbilder versprechen Zusammenhalt, in der Kaffeeküche wird übereinander gesprochen. Markus Coenen hält den Appell an Harmonie um ihrer selbst willen für gefährlich: Wo niemand mehr Verantwortung einfordern darf, werden trotzdem Grenzen verletzt. Sein Gegenvorschlag ist unbequemer und am Ende harmonischer. Er heißt: die eigene Position offen zeigen.
Im Leitbild steht: Wir hören einander zu. Wir sind ein Team. Wir leben Miteinander.
In der Kaffeeküche erfährt jeder, was wirklich gedacht wird.
Zwischen beiden Räumen liegt eine Harmonie, die niemanden schützt. Sie hält die Oberfläche glatt. Darunter läuft weiter schief, was vorher schiefgelaufen ist. Es redet nur keiner mehr laut darüber. Leise dafür umso mehr.
Ich halte diese Harmonie für gefährlich. Für gefährlicher als jeden offenen Streit.
Harmonie als Pflicht
In meiner Branche lässt sich das gut beobachten. Im modernen Verlagswesen soll alles harmonisch laufen. Niemandem darf wehgetan werden. Niemand darf negativ angesprochen werden. Kritik kommt, wenn überhaupt, so weich verpackt an, dass sie sich wie ein Kompliment anfühlt.
Das ist verordnete Harmonie. Sie funktioniert nicht.
Sie funktioniert deshalb nicht, weil sie die Stimmung schützt. Die Menschen bleiben dabei ungeschützt.
Wo Harmonie zur Pflicht wird, wird Verantwortung zur Kür. Wer eine Vereinbarung bricht, hat wenig zu befürchten, solange er dabei freundlich bleibt. Wer die Grenze eines anderen überschreitet, ist sicher, solange es leise geschieht. Wer darauf hinweist, stört. Er gefährdet schließlich die Harmonie.
Die Verletzung findet trotzdem statt. Sie wird nur nicht mehr ausgesprochen. Wenn alle bloß harmonisch sind, werden weiter Grenzen verletzt. Damit werden Menschen verletzt. Damit entstehen Traumata. Im Stillen, und keiner sieht sie kommen, weil keiner hinsehen durfte.
Wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinanderliegen, zeigt eine Befragung des rheingold Instituts aus dem Frühjahr 2025. 95 Prozent der Befragten sagten, wir bräuchten wieder mehr Zusammenhalt. 89 Prozent derselben Befragten empfanden das Miteinander in der Gesellschaft als aggressiv. Der Wunsch nach Zusammenhalt ist riesig. Er allein verhindert nichts.
Wo die Grenze liegt
Damit kein Missverständnis entsteht: Ich halte ein harmonisches Miteinander für möglich. Harmonie bedeutet für mich allerdings nicht, dass alles verziehen werden muss.
Wer Verantwortung übernommen hat und sie fallen lässt, verlässt die gemeinsame Grundlage. Wer Vereinbarungen nicht einhält, ebenso. An dieser Stelle darf ich meine Grenze einfordern. Ich darf die Verantwortung zurückverlangen. Deutlich, wenn es sein muss.
Das beginnt im Kleinen. Ein Termin, zu dem jemand ohne ein Wort zu spät kommt. Eine Zusage, die stillschweigend verfällt. Eine Aufgabe, die plötzlich niemandem mehr gehört. Jedes Mal ist es leichter, freundlich darüber hinwegzusehen. Jedes Mal verschiebt sich die Grenze ein Stück. Wer irgendwann doch etwas sagt, wirkt kleinlich. Er hat nur zu lange geschwiegen.
Vereinbarungen dürfen sich ändern. Wenn sich tatsächlich etwas verschiebt, lässt sich darüber reden, und dann gilt eine neue Vereinbarung. Was nicht geht: eine Zusage still auslaufen zu lassen und zu hoffen, dass es keiner merkt.
Streit darf hart sein. Er darf auch aggressiv sein. Zerstörerisch darf er nicht werden. Die Linie verläuft für mich dort, wo Verantwortung verloren geht. Wie scharf der Ton im Einzelfall sein muss, ist eine andere Frage. Ob jemand Verantwortung trägt, ist keine Frage des Tons.
Harmonie ohne Verantwortung ist bequem für alle, die sich drücken. Für alle anderen wird sie teuer.
Was wir Kindern nicht mehr beibringen
Ich glaube, das Problem beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag. Wir bringen unseren Kindern nicht mehr bei, wie sie mit Frustration umgehen. Sie lernen, dass man immer alles haben kann. Sie lernen, dass man keine Grenzen braucht.
Das halte ich für einen großen Fehler. Ein Kind, das nie ein Nein aushalten musste, wird ein Erwachsener, der keinen Widerspruch aushält. Wer keinen Widerspruch aushält, verlangt Harmonie. Von allen, jederzeit, zur Not per Leitbild.
Wer früh lernt, ein Nein auszuhalten, erfährt etwas Wichtiges: Die Welt geht davon nicht unter. Das Gespräch auch nicht.
Grenzen machen Begegnung erst möglich. Wo keine Grenze ist, gibt es auch kein Gegenüber. Nur noch Stimmung.
Nichts hinter dem Berg
Was hilft also? Streit um seiner selbst willen hilft so wenig wie Harmonie um ihrer selbst willen.
Ich glaube, oft reicht schon, die eigene Position offen und transparent zu zeigen. Wer sagt, wo er steht, wird gesehen. Er wird mit seiner Haltung wahrgenommen. Auf dieser Grundlage lässt sich diskutieren, weil niemand mehr etwas hinter dem Berg hält.
Dazu gehört, die Regeln auszusprechen, nach denen ich arbeite. Was ich tue. Was ich nicht tue. Was ich erwarte. Wer das kennt, muss nicht raten. Wer nicht raten muss, braucht auch keine Kaffeeküche.
Das klingt nach mehr Reibung. Am Ende ist es harmonischer. Eine offene Position kann ich prüfen, angreifen, verwerfen oder übernehmen. Gegen eine Stimmung kann ich nichts ausrichten. Gegen ein Lächeln, hinter dem ein Vorwurf steckt, auch nicht.
Wer mir offen widerspricht, macht sich die Mühe, mir zu zeigen, wo er steht. Das rechne ich ihm an.
Zurück in die Kaffeeküche. Was dort gesagt wird, gehört in den Besprechungsraum. Dorthin, wo die Verantwortung sitzt. Solange es nur am Kaffeeautomaten ausgesprochen wird, bleibt das Leitbild schön und das Miteinander krank.
Harmonie lässt sich nicht verordnen. Sie stellt sich ein, wenn Menschen sagen, wo sie stehen, und für das geradestehen, was sie zugesagt haben. Das ist anstrengender als jedes Leitbild. Es ist die Harmonie, die ich ernst nehme.
Zur Person
Markus Coenen ist Autorencoach, Autor und Unternehmer. Seit mehr als 15 Jahren begleitet er Menschen, die mit einem Sachbuch Gehör finden wollen. Auf mitmenschenreden schreibt er die Kolumnen #HASHTAG und Im Rückspiegel.


