Aus einem Hausgottesdienst in Salzburg ist die HOME Church gewachsen. Nach fast acht Jahren zieht sie auf den Campus St. Martin. Mike Breneis über eine tragfähige Sonntagskultur, eine Kirche ohne Dienstleistungsdenken und die Frage, wer ein solches Projekt finanziert.
Das GesprächLieber Mike Breneis, schon der Begriff hört sich inspirierend an, aber was genau ist die HOME Church?
Die HOME Church ist aus der HOME Base Salzburg hervorgegangen, die im Kern eine der ersten katholischen Jüngerschaftsschulen im deutschsprachigen Raum ist. Dort haben wir über Jahre hinweg Menschen begleitet, geprägt und ausgebildet. Und aus einem „Hausgottesdienst“, zu dem immer mehr Menschen kamen, ist so etwas wie eine „gemeindeähnliche Versammlung“ geworden.
Irgendwann wurde uns klar: Wenn Kirche wachsen soll, braucht sie eine tragfähige Sonntagskultur. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Kirche weiß das seit rund 2000 Jahren. Wir haben ehrlich gesagt etwas länger gebraucht, um diese Einfachheit wiederzuentdecken.
Das klingt nach einer Mischung aus Tradition und Lernprozess, um das Evangelium wieder mitten ins Leben zu rücken.
Absolut. Man kann sich noch so viele innovative Formate überlegen – wenn der gemeinsame Gottesdienst nicht trägt, fehlt das Fundament. Genau dort wollten wir ansetzen: nicht gegen die Tradition, sondern mit ihr. Spannenderweise sehen wir unseren SUNDAY Morning als missionalen Gottesdienst, der ganz bewusst niederschwellig sein will, wo ein gutes Ankommen, viel Gemeinschaft und Begegnung auf Augenhöhe und alltagsrelevante Inhalte bietet. Wenn Leute dann auf ihrem Glaubensweg in die Tiefe gehen – also ihr Fundament tiefer graben möchten –, dann finden sie das vor allem auch während der Woche in Kleingruppen und Kursangeboten. Neben unserem eucharistischen Verständnis bleibt der Sonntag auch in einer Gemeindedynamik das wichtige identitätsstiftende Moment.
Nun steht ein Ortswechsel an. Was bedeutet dieser Schritt?
2025 hat sich für uns innerhalb der Erzdiözese Salzburg eine neue Möglichkeit aufgetan. Nach fast acht Jahren übersiedeln wir auf den Campus St. Martin. Für uns ist das mehr als ein Umzug: Es ist ein Vertrauensbeweis und zugleich ein Auftrag. Wir sehen darin eine große Chance, gemeinsam mit der Pfarre eine echte Win-win-Situation zu schaffen. Die neuen Einrichtungen und auch unsere Mitarbeiter stehen ausdrücklich der lokalen Pfarre zur Verfügung. Kirche funktioniert am besten, wenn Ressourcen geteilt werden und nicht nebeneinander herlaufen.
Was genau entsteht dort? Was machen Sie in St. Martin anders?
Zunächst einmal beleben wir eine Pfarre mit einer beeindruckenden Vergangenheit. Das gesamte Pfarrzentrum wurde in den 1970er-Jahren architektonisch hochwertig gebaut. Bestehend aus Kirche, Pfarrhaus und Community Center. Heute merkt man natürlich, dass die Jahre vergangen sind. Wir sind eingeladen worden, dieses Haus gemeinsam mit den Menschen vor Ort neu mit Leben zu füllen. Und genau so verstehen wir unsere Rolle: nicht als Ersatz, sondern als Verstärker.
Wie sieht diese „Belebung“ konkret aus?
Das Gelände soll Heimat für die Menschen aus der Umgebung sein. Also für die „Locals“, wie man heute sagt. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass es zu einem Ort der Inspiration wird, vielleicht sogar zu einem Leuchtturm für Gemeinden im deutschsprachigen Raum. Vor allem aber soll es ein Platz sein, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft Gott erfahren können: durch persönliche Berührung, durch tragfähige Gemeinschaft, durch Bildung und durch eine aufrichtige Sorge um den Nächsten.
Das klingt fast programmatisch. Steht dahinter ein neues Kirchenmodell?
Eigentlich nicht! Unser Ziel ist überraschend unspektakulär: Es soll eine ganz gewöhnliche katholische „Pfarre“ – wie wir in Österreich sagen – bleiben. Ganz so, wie der Katechismus sie beschreibt, mit den Grundelementen Verkündigung, Liturgie, Dienst an dem Nächsten und Gemeinschaft. Manchmal liegt die größte Kraft gerade in der Normalität. Religionsausübung hat in unserer säkularen Welt ein eigenartiges Stigma, obwohl unser christlicher Glaube auf so viele aktuell brennende Fragen extrem gute Antworten hätte. Wenn also Menschen sagen: „Hier fühle ich mich angenommen, hier bin ich gerne dabei“, wenn sie also in der HOME Church ein Stück Heimat für sich entdecken, dann haben wir mehr erreicht als mit jeder spektakulären Neuerung.
Solche Projekte werfen zwangsläufig eine praktische Frage auf: Wer finanziert das alles?
Ohne Vertrauen geht es nicht und Vertrauen zeigt sich oft auch finanziell. Den Aufbau der HOME Base in Salzburg haben zunächst einige Stifter und Gönner ermöglicht. Jetzt stehen wir vor dem nächsten Schritt. Die Erzdiözese Salzburg und die Pfarre St. Martin leisten einen bemerkenswerten Beitrag, gerade wenn man bedenkt, wie komplex kirchliche Strukturen administrativ sein können. Dennoch bleibt ein erheblicher Teil der Finanzierung bei uns.
Das heißt konkret?
Wir sind weiterhin auf Menschen angewiesen, die mit großen und kleinen Spenden das Projekt unterstützen. Besonders prägend ist dabei unser Mitarbeitermodell: Nahezu alle hauptamtlichen Teammitglieder werden durch sogenannte Missionspartner finanziert. Hinter jedem Mitarbeiter stehen etwa 50 bis 80 Menschen, die monatlich einen Beitrag leisten, mit Gebet, mit Mitfiebern bei unseren Herausforderungen, und eben auch durch finanzielle Unterstützung. Die Bibel spricht hier vom „Zehnten“. Für uns ist das weniger eine Pflicht als vielmehr ein Ausdruck gemeinsamer Verantwortung.
Das setzt eine starke Identifikation voraus.
Ja, und genau darin liegt etwas Hoffnungsvolles. Kirche ist kein Dienstleistungsbetrieb. Sie lebt davon, dass Menschen sagen: „Da will ich dabei sein, das ist auch mein Auftrag.“ Wenn viele Schultern tragen, wird selbst ein großes Projekt erstaunlich tragfähig.
Wenn Sie einen Schritt zurücktreten, lieber Mike, was treibt Sie persönlich an?
Die Überzeugung, dass Kirche dort am glaubwürdigsten ist, wo Menschen konkret Liebe, Gemeinschaft und Orientierung erfahren. Wir wollen keine Parallelwelt bauen. Wir möchten Räume öffnen, in denen Glaube ganz normaler Aspekt unseres täglichen Lebens wird.
Und vielleicht ist genau das unsere eigentliche Vision: dass Kirche wieder stärker als Zuhause wahrgenommen wird. Nicht perfekt, aber offen. Wo jeder in großer Freiheit sein darf, wachsen darf, und die Schönheit eines Lebens mit einer Gottesperspektive entdecken darf.
Wenn man Ihnen zuhört, entsteht der Eindruck, dass hier weniger ein Projekt als vielmehr eine Haltung sichtbar wird.
Wenn das so rüberkommt, freut mich das. Gebäude kann man planen, Programme kann man entwickeln, aber am Ende entscheidet meine Herzenshaltung. Eine Kirche, die dienen will, wird immer gebraucht werden. Und wie wir im 21. Jahrhundert den Menschen dienen können, das wollen wir gemeinsam herausfinden, ausprobieren, scheitern, weitergehen, und uns immer wieder an Demjenigen ausrichten, der vor 2000 Jahren eine noch immer existierende, sogar in vielen Bereichen wachsende Jüngerschaftsbewegung gegründet hat: Jesus.



