Nihat Demir ist Polizeibeamter beim Bayerischen Landeskriminalamt, Stadtrat in München und engagiert sich bei Project Peacemaker für den Dialog zwischen Kulturen und Religionen. Ein Gespräch über Respekt im Alltag, verkürzte Bilder zwischen Europa und dem Nahen Osten und die Grenzen dessen, was Dialog bewirken kann.
Das GesprächProject Peacemaker spricht von Frieden, Dialog und Gerechtigkeit auf der Grundlage humanistischer und christlicher Werte. Wie übersetzen Sie diese Leitideen konkret in Ihre tägliche Arbeit – jenseits von wohlklingenden Begriffen?
Wenn wir von Frieden, Dialog und Gerechtigkeit sprechen, dann sind das für mich keine abstrakten Begriffe – sondern konkrete Handlungsmaßstäbe im Alltag.
In meinem Beruf als Polizist beginnt Frieden nicht auf großen Konferenzen, sondern im direkten Kontakt mit Menschen. Das heißt: Ich begegne jedem Bürger zunächst mit Respekt, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Gerade in Konfliktsituationen versuche ich, nicht nur rechtlich korrekt zu handeln, sondern auch deeskalierend – also zuzuhören, Spannungen zu erkennen und früh zu entschärfen. Das ist gelebter Dialog.
Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass ich das Gesetz konsequent anwende – aber gleichzeitig sensibel bleibe für unterschiedliche Lebensrealitäten. Wer zum Beispiel aus einem anderen kulturellen Kontext kommt, braucht manchmal mehr Erklärung als Sanktion. Das hat nichts mit Nachsicht zu tun, sondern mit nachhaltiger Ordnung: Menschen akzeptieren Regeln eher, wenn sie sie verstehen.
Die humanistischen und auch christlich geprägten Werte, von denen Project Peacemaker spricht, decken sich in vielen Punkten mit meinem eigenen islamischen Werteverständnis – etwa Würde des Menschen, Barmherzigkeit und Verantwortung. Für mich übersetzt sich das ganz praktisch: Ich versuche, nicht nur „durchzugreifen“, sondern Brücken zu bauen. Zwischen Polizei und Bürgern, zwischen verschiedenen Communities, zwischen Misstrauen und Vertrauen.
Am Ende zeigt sich, ob diese Werte echt sind, nicht in Leitbildern, sondern in kleinen Entscheidungen: Wie spreche ich mit jemandem? Wie gehe ich mit Macht um? Und ob ich bereit bin, auch dann fair zu bleiben, wenn es schwierig wird.
Ihre Arbeit bewegt sich sichtbar im Spannungsfeld von Europa und Nahem Osten. Welche Missverständnisse, ideologischen Verkürzungen oder auch blinden Flecken begegnen Ihnen auf beiden Seiten am häufigsten?
Dieses Spannungsfeld ist tatsächlich sehr spürbar – und oft sind es weniger böse Absichten als vielmehr verkürzte Bilder voneinander, die Probleme schaffen.
In Europa begegne ich häufig dem Missverständnis, dass der Nahe Osten oder auch der Islam als Ganzes einheitlich seien. Da wird schnell alles in einen Topf geworfen: Religion, Politik, kulturelle Prägungen und einzelne Konflikte. Das führt dazu, dass Menschen entweder pauschal skeptisch oder sogar ablehnend reagieren. Ein blinder Fleck ist hier oft, wie vielfältig muslimische Lebensrealitäten sind – und wie stark sich viele Muslime selbst für Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Zusammenleben einsetzen.
Auf der anderen Seite – wenn ich mit Menschen aus dem Nahen Osten spreche oder dort unterwegs bin – sehe ich oft eine große Skepsis gegenüber Europa, die ebenfalls auf Vereinfachungen beruht. Europa wird dann manchmal als moralisch beliebig, rein materialistisch oder sogar feindlich gegenüber Religion wahrgenommen. Gleichzeitig gibt es auch Missverständnisse darüber, wie Rechtsstaatlichkeit hier funktioniert oder warum bestimmte Freiheiten – etwa Meinungsfreiheit – so konsequent geschützt werden, selbst wenn sie als provokant empfunden werden.
Auf beiden Seiten sehe ich außerdem eine Tendenz zur Ideologisierung: Komplexe politische oder historische Zusammenhänge werden auf einfache Narrative reduziert – „der Westen gegen den Islam“ oder umgekehrt. Solche Denkmuster helfen vielleicht kurzfristig, Orientierung zu schaffen, aber sie verhindern echtes Verständnis.
Meine Aufgabe – sowohl als Polizist als auch im Dialogkontext – ist es deshalb, genau an diesen Punkten anzusetzen: zuzuhören, zu differenzieren und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Denn viele Spannungen lösen sich nicht durch große politische Programme, sondern durch die Erkenntnis, dass das Gegenüber oft ganz ähnliche Werte, Sorgen und Hoffnungen hat.
Sie verstehen sich nicht nur als Hilfs- oder Bildungsinitiative, sondern betonen auch einen journalistischen Ansatz. Warum braucht Friedensarbeit aus Ihrer Sicht gerade heute dokumentierende, erzählende und öffentlich vermittelnde Formate?
Friedensarbeit, die unsichtbar bleibt, verliert an Wirkung. Deshalb reicht es aus meiner Sicht heute nicht mehr, nur Projekte umzusetzen – wir müssen sie auch dokumentieren, einordnen und erzählen.
Wir leben in einer Zeit, in der öffentliche Wahrnehmung stark von verkürzten Bildern, schnellen Schlagzeilen und oft auch von Polarisierung geprägt ist. Konflikte werden zugespitzt dargestellt, während differenzierte Perspektiven oder leise Fortschritte kaum sichtbar sind. Genau hier setzt unser journalistischer Ansatz an: Wir wollen nicht nur helfen oder Dialog ermöglichen, sondern auch zeigen, wie dieser Dialog konkret aussieht – mit all seinen Herausforderungen, Widersprüchen und kleinen Erfolgen.
Dokumentation schafft Transparenz. Wenn wir beispielsweise in Krisenregionen unterwegs sind oder interkulturelle Begegnungen organisieren, dann geht es uns darum, diese Erfahrungen festzuhalten und zugänglich zu machen. Nicht als PR, sondern als ehrliche Momentaufnahme. Menschen sollen nachvollziehen können, was vor Ort wirklich passiert – jenseits von Klischees.
Erzählen wiederum schafft Verbindung. Fakten allein reichen oft nicht aus, um Verständnis zu fördern. Geschichten von echten Menschen, ihren Ängsten, Hoffnungen und Perspektiven, erreichen andere Menschen auf einer emotionalen Ebene. Sie können Brücken bauen, wo reine Argumente nicht mehr durchdringen.
Und schließlich geht es um Verantwortung in der Öffentlichkeit. Wenn wir über Frieden sprechen, dann dürfen wir das nicht im geschlossenen Raum tun. Wir müssen die Debatten mitgestalten, Missverständnisse aufgreifen und auch unbequeme Fragen zulassen. Gerade in Zeiten von Desinformation und wachsendem Misstrauen ist es entscheidend, glaubwürdige, differenzierte und nachvollziehbare Inhalte zu liefern.
Für mich gehört das alles zusammen: praktische Friedensarbeit vor Ort und eine Form der Berichterstattung, die diese Arbeit sichtbar, verständlich und diskutierbar macht. Nur so entsteht nachhaltige Wirkung.
Wenn Sie ehrlich bilanzieren: Wo stößt Dialogarbeit an harte Grenzen – etwa bei Extremismus, religiöser Verhärtung, ethnischen Konflikten oder politischem Machtkalkül – und was kann ein Projekt wie Ihres dort realistisch überhaupt bewirken?
Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Dialog hat Grenzen – und die darf man nicht romantisieren.
Dort, wo Menschen ideologisch so gefestigt sind, dass sie keinen Zweifel mehr zulassen, wird Dialog extrem schwierig. Das gilt für religiösen Extremismus genauso wie für politischen Fanatismus. Wenn jemand nicht mehr bereit ist, das Gegenüber überhaupt als gleichwertig anzuerkennen, fehlt die Grundlage für jedes Gespräch. Ähnlich ist es bei Konflikten, die stark von Machtinteressen geprägt sind – also dort, wo Akteure bewusst von Spaltung profitieren. In solchen Fällen stößt Dialogarbeit schnell an strukturelle Grenzen.
Auch bei tiefsitzenden ethnischen Konflikten erleben wir, dass historische Verletzungen über Generationen weitergegeben werden. Da reicht ein Gespräch oder ein Projekt nicht aus, um Vertrauen aufzubauen. Manche Erwartungen an Dialogarbeit sind schlicht unrealistisch – Frieden lässt sich nicht „organisieren“ wie ein Event.
Aber genau deshalb ist es wichtig, klar zu sagen, was wir leisten können – und was nicht.
Wir können keine geopolitischen Konflikte lösen. Wir können keine Extremisten „umdrehen“, die sich bewusst jeder Offenheit entziehen. Aber wir können Räume schaffen für diejenigen, die noch erreichbar sind. Und das ist oft die entscheidende Mehrheit, die in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht so sichtbar ist.
Unsere Wirkung liegt im Kleinen, aber Nachhaltigen: Wir bringen Menschen zusammen, die sonst nie miteinander sprechen würden. Wir schaffen Begegnungen, die Vorurteile abbauen können, bevor sie sich verhärten. Und wir geben denjenigen eine Stimme, die differenziert denken, aber in polarisierten Debatten oft untergehen.
Man könnte sagen: Wir arbeiten nicht an den lautesten Rändern, sondern an der stabilen Mitte der Gesellschaft. Und wenn es uns gelingt, diese Mitte zu stärken, widerstandsfähiger gegen Radikalisierung zu machen und ein Bewusstsein für gemeinsame Werte zu fördern, dann ist das ein realistischer – und aus meiner Sicht sehr wichtiger – Beitrag zum Frieden.
Zur Person
„Mein Name ist Nihat Demir, ich bin 50 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Seit 26 Jahren stehe ich als Polizeibeamter im Dienst des Freistaats Bayern und bin derzeit beim Bayerischen Landeskriminalamt tätig. Dabei konnte ich umfassende Erfahrungen in der Kriminalitätsbekämpfung sammeln und mich fachlich wie persönlich kontinuierlich weiterentwickeln.
Geboren und aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, mit familiären Wurzeln in der Türkei und kurdisch-türkischer Herkunft, prägen mich Themen wie Integration, gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie der Dialog zwischen Kulturen und Religionen seit vielen Jahren.
Neben meinem Beruf engagiere ich mich als neugewählter CSU Stadtrat der Landeshauptstadt München, ehrenamtlich in der Kommunalpolitik. Dabei setze ich mich insbesondere für gesellschaftliche Teilhabe und ein starkes Miteinander ein.
Ein besonderes Anliegen ist mir der interkulturelle und interreligiöse Dialog. Deshalb veranstalte ich seit mehreren Jahren während des Ramadans mit meinen jüdischen und christlichen Kooperationspartnern ein interkulturelles & interreligiöses Fastenbrechen mit rund 250 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Diplomatie und Zivilgesellschaft.“



