Prof. Patrick Gruhn und Ralf M. Ruthardt sprechen über katholische Medien, K-TV und digitale Glaubensvermittlung. Es geht um Technologie als Werkzeug, nicht als Ersatz für Sakrament, Gemeinde und persönliche Begegnung. Ein Gespräch über missionarischen Mut, private Initiativen, Bildung, Relativismus und die Wiederentdeckung des Heiligen in einer kirchenfernen Gesellschaft.

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Lieber Herr Prof. Gruhn, katholische Medien, digitale Glaubensvermittlung, kirchennahe Technologieprojekte: Man kann das alles als Modernisierung verstehen. Ich vermute aber, dass es Ihnen nicht um technische Modernität um ihrer selbst willen geht. Was treibt Sie an?

Patrick Gruhn

Im Kern geht es um Glaubensverkündigung. Die christliche Botschaft muss dorthin gebracht werden, wo die Menschen sind. Das ist keine moderne Marketingidee, sondern im Grunde etwas sehr Altes. Schon Sokrates ist zu den Menschen gegangen, Paulus ebenso. Wenn Menschen heute über Fernsehen, YouTube oder digitale Angebote erreichbar sind, dann muss man diese Wege nutzen. Medien sind kein Selbstzweck. Sie sollen hörbar und sichtbar machen, worum es im Christentum geht.

Ralf M. Ruthardt

Nun liegt der Einwand nahe: Wenn Gottesdienste übertragen werden, kann das für Menschen sehr bequem sein. Man sitzt zu Hause, schaut eine Messe wie eine Sendung und spart sich Gemeinde, Pfarrer, persönliche Begegnung. Ist das nicht eine reale Gefahr, die seit Langem seitens der Kirchen diskutiert wird? Sie stehen als Gesellschafter hinter K-TV, einem der katholischen Kirche nahestehenden Fernsehsender, und werden sich hierzu reichlich Gedanken gemacht haben.

Patrick Gruhn

Ja, diese Gefahr gibt es. Deshalb muss man klar sagen: Die Übertragung einer Messe im Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken ist kein Ersatz für die Messe vor Ort, wenn jemand in die Kirche gehen kann. Die Sonntagsmesse ist aus katholischer Sicht zentral. K-TV soll niemanden bequemer machen. Im Gegenteil: Ziel ist, Menschen wieder in die Messe hineinzuführen. Eine Fernsehmesse ist nur dort ein geeigneter Ersatz, wo jemand keine reale Möglichkeit hat, zur Messe zu gehen – durch Krankheit, Alter, fehlende Mobilität oder andere Lebensumstände.

Ralf M. Ruthardt

Also kein bequemes Kirchenfernsehen für jene, die nur nicht aus dem Haus wollen, sondern eine Brücke für Menschen, deren Weg abgeschnitten ist?

Patrick Gruhn

Genau. Viele Zuschauer möchten zur Messe, können aber nicht mehr. Da gibt es ältere Menschen, Menschen nach einem Schlaganfall, Menschen ohne Führerschein, Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen das Haus kaum verlassen können. Wir bekommen Rückmeldungen von Angehörigen, die sagen: Meine Mutter oder mein Vater hat diese schwere Zeit auch deshalb durchgehalten, weil K-TV lief und eine Verbindung zur Kirche blieb. Für diese Menschen ist das nicht Konsum, sondern eine Form des Dabeibleibens.

Ralf M. Ruthardt

Warum sollten solche Projekte dann nicht von der Amtskirche selbst betrieben werden? Wenn es um Glaubensvermittlung geht, könnte man sagen: Hier sollte die Kirche institutionell die Hoheit behalten.

Patrick Gruhn

Ich sehe das anders. Die Kirche muss nicht Eigentümerin jedes Projekts sein. Ihr eigentlicher Auftrag ist nicht, Fernsehsender, Zeitungen, Radios oder KI-Projekte zu betreiben. Ihr zentraler Auftrag ist, die Eucharistie zu feiern und den Glauben zu verkünden. Private Initiativen können die Kirche dabei unterstützen. Auch eine gemeinnützige Einrichtung muss unternehmerisch geführt werden. Der Unterschied ist nur: Man maximiert nicht Gewinn, sondern den Erfolg der Mission.

Ralf M. Ruthardt

Das klingt fast ordnungspolitisch: Die Amtskirche setzt nicht alles selbst auf, sondern fördert private Initiative, wo diese beweglicher, spezialisierter und vielleicht auch mutiger handeln kann.

Patrick Gruhn

Ja. Bei K-TV ist zum Beispiel unser geistlicher Assistent, Pfarrer Dr. Thomas Maria Rimmel, offiziell vom Bistum Augsburg für uns abgestellt. Das ist aus meiner Sicht die richtige Form: Unterstützung, Begleitung, Kooperation – aber nicht zwingend Eigentum durch die Amtskirche. Papst Benedikt XVI. hat uns einmal sinngemäß geraten: Bleibt privat, bleibt außerhalb dieser kirchlichen Strukturen und kooperiert mit der Amtskirche. Das war klug. Denn wenn die Kirche solche Projekte selbst betreibt, kommen schnell innerkirchenpolitische Interessen, Personalwechsel und institutionelle Rücksichten hinzu. Dann verliert man Beweglichkeit.

Ralf M. Ruthardt

Sie vergleichen das mit staatlich betriebenen Unternehmen. Ist die Kirche in diesem Punkt ähnlich gefährdet wie der Staat – nämlich schwerfällig zu werden, wo unternehmerisches Denken nötig wäre?

Patrick Gruhn

Das Problem ist strukturell ähnlich. Wenn zu viele Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen, leidet die Klarheit der Mission. Private Initiativen werden von konkreten Menschen getragen. Sie handeln schneller, sind oft näher an der Sache und können technologisch oder medial präziser arbeiten. Das gilt für Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internetangebote – und es gilt noch stärker für künstliche Intelligenz.

Ralf M. Ruthardt

Warum gerade bei KI noch stärker? Eine KI, die Glaubensinhalte vermittelt, kann falsch antworten, missverständlich formulieren, theologisch danebenliegen. Müsste die Kirche hier nicht erst recht die Kontrolle behalten?

Patrick Gruhn

Moderne KI ist technisch anspruchsvoll, weil sie meist auf tiefen neuronalen Netzen beruht, deren innere Gewichtungen selbst für Fachleute nur begrenzt transparent sind. Gerade deshalb wäre ich vorsichtig damit, dass die Amtskirche selbst Betreiberin wird. Wenn die Kirche Eigentümerin eines solchen Systems ist, erwartet die Öffentlichkeit zu Recht, dass sie die volle Verantwortung trägt und die Technik durchschaut. Das ist nicht trivial. Deshalb ist aus meiner Sicht besser: Private, fachlich kompetente Initiativen entwickeln solche Angebote, und die Kirche begleitet sie inhaltlich und geistlich.

Ralf M. Ruthardt

Dann wäre KI für Sie nicht digitale Ersatzkirche, sondern ein Werkzeug, das kirchliche Verkündigung unterstützt?

Patrick Gruhn

Genau. KI darf nie Ersatz für Sakrament, Pfarrer, Gemeinde und persönliche Seelsorge werden. Sie kann aber Menschen einen ersten Zugang eröffnen. Viele gehen mit Glaubensfragen nicht einfach zum Pfarrer vor Ort. Das gilt besonders für Menschen aus anderen Kulturkreisen, beispielsweise für Migranten oder Flüchtlinge, die sprachliche und kulturelle Hemmschwellen haben. Wenn wir Inhalte mithilfe von KI in verschiedene Sprachen bringen können – Englisch, Arabisch und weitere Sprachen –, dann kann das ein echter Zugang sein. Es ersetzt nicht die Kirche vor Ort, aber es kann die Tür öffnen.

Ralf M. Ruthardt

Sie sprechen also nicht nur von innerkirchlicher Versorgung, sondern ausdrücklich auch von missionarischer Wirkung.

Patrick Gruhn

Ja, sehr deutlich. K-TV begleitet Menschen, die nicht mehr zur Messe können. Aber es hat auch einen starken missionarischen Charakter. Wir erleben, dass Menschen durch solche Medien wieder zum Glauben finden, zum katholischen Glauben konvertieren oder beginnen, ihn wieder zu praktizieren. Und wenn das geschieht, bleiben sie nicht beim Fernsehen hängen. Das Ziel ist, dass sie in die Eucharistie gehen, in die Sonntagsmesse, vielleicht sogar in die tägliche Messe. Das Medium ist Einstieg, nicht Endstation.

Ralf M. Ruthardt

Ich erlebe in meinem persönlichen Umfeld, dass die Kirchengemeinde im Alter zu einem maßgeblichen sozialen Anker werden kann. Das ist nicht nur Religion als Lehre, sondern Zugehörigkeit, Rhythmus, Begegnung. Kann ein Medium das überhaupt leisten?

Patrick Gruhn

Ein Medium kann das nicht vollständig leisten. Aber es kann helfen, die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Viele ältere Menschen vereinsamen. Die Kirchengemeinde war für viele ein zentraler sozialer Ort. Wenn jemand wegen Krankheit oder Alter nicht mehr hingehen kann, entsteht ein Bruch. K-TV kann diesen Bruch nicht vollständig heilen, aber es kann ein Gefühl vermitteln: Ich gehöre weiter dazu. Ich bin nicht ganz abgeschnitten.

Ralf M. Ruthardt

Wir leben in Deutschland zugleich in einer Gesellschaft, die mit Kirche fremdelt – jedenfalls in großen Teilen der medial sichtbaren Öffentlichkeit. Wie bekommt man Kirche wieder näher zu den Menschen, ohne sie zu banalisieren? Welche Rolle spielen dabei Medien?

Patrick Gruhn

Interessanterweise erkenne ich bei jungen Menschen eine Veränderung. Aus meiner Wahrnehmung ist die Gruppe der heute etwa Mitte Dreißigjährigen bis vielleicht Anfang oder Mitte Sechzigjährigen am kirchenfernsten. Bei K-TV sehen wir viele junge Zuschauer unter 35 und dann wieder viele ältere Menschen. Bei vielen Jüngeren gibt es eine Suche nach dem Kern, nach dem Sakralen, nach dem, was Kirche wirklich ausmacht.

Ralf M. Ruthardt

Das widerspricht dem gängigen Eindruck, wonach die Jüngeren zwangsläufig ausgeprägt säkularer und kirchenferner seien.

Patrick Gruhn

Ja, dieser Eindruck kann täuschen. Das Problem vieler Menschen ist aus meiner Sicht fehlendes Wissen. Sie haben eine falsche Vorstellung von der katholischen Kirche. Sie nehmen den Glauben oft wie eine Art Märchen wahr, nicht als etwas, das einen Anspruch auf Wirklichkeit erhebt. Dass der Logos Mensch geworden ist, dass in den Sakramenten wirklich etwas geschieht – das wird nicht ernst genommen. Kirche erscheint dann als soziale Organisation, als NGO: Sie betreibt Krankenhäuser, Kindergärten, soziale Einrichtungen. Das ist alles wichtig, aber es ist nicht der Kern.

Ralf M. Ruthardt

Das ist ein harter Satz: Die sozialen Werke sind wichtig, aber nicht der Kern. Viele würden Kirche gerade über diese Werke positiv verstehen.

Patrick Gruhn

Natürlich sind soziale Werke wichtig. Menschen, die den Glauben innerlich verstanden haben, werden aus diesem Glauben heraus auch helfen, soziale Einrichtungen tragen und anderen Menschen dienen. Aber das ist Folge, nicht Ursprung. Der Kern des katholischen Glaubens ist die Eucharistie, die heilige Messe, das sakramentale Leben. Wenn man Kirche nur noch über ihre sozialen Dienste erklärt, kann man irgendwann sagen: Das können andere auch. Vielleicht sogar effizienter. Dann ist der eigentliche Kern aus dem Blick geraten.

Ralf M. Ruthardt

Hat die Kirche selbst zu diesem Missverständnis beigetragen? Hat sie, um gesellschaftlich anschlussfähig zu bleiben, zu häufig über unverfängliche soziale oder tagespolitische Themen gesprochen – und zu selten über den Glaubenskern?

Patrick Gruhn

Ich glaube, ja. Es gab über längere Zeit die Versuchung, sich eher zu Themen zu äußern, bei denen man gesellschaftliche Zustimmung bekommt: Sozialpolitik, Lohnerhöhungen, Hilfsprojekte. Das sind nicht unwichtige Themen. Aber wenn die Kirche darüber mehr spricht als über Eucharistie, Evangelium, Sakramente und die Frage, wie der Mensch vor Gott richtig lebt, dann verschiebt sich das Bild. Dann wird Kirche zu einer moralisch-sozialen Einrichtung unter vielen.

Ralf M. Ruthardt

Ich erinnere mich an ein Interview von Anfang 2025 mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er sagte, dass er als Landesbischof in seiner Weihnachtspredigt viele Themen aufgreifen und viel zum Glauben sagen könne. Aber es würde von Journalisten dann der eine sozialpolitische Satz herausgegriffen und gedruckt. Und dann würde gesagt, schau mal die Kirche, die äußert sich nur politisch. Und zugleich meinte Landesbischof Gohl auf meine Frage, ob Kirche sich zu sehr in Richtung sozialer Einrichtung entwickelt habe, während das Geistliche in den Hintergrund getreten sei: „Ich glaube, dass das schon eine Versuchung ist. Wie kommen wir in einer Mediengesellschaft vor, wo sich so vieles geändert hat, in den vergangenen 50 Jahren? Da muss Kirche auftauchen, sichtbar sein.“

Meine Frage an Sie, lieber Patrick Gruhn: Ist Kirche im Allgemeinen an dieser Stelle opportunistisch geworden – oder einfach verzagt?

Patrick Gruhn

Oft ist es gut gemeint. Aber gut gemeint heißt nicht gut gemacht. Mit Blick auf die Katholische Kirche meine ich, dass es nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und im Nachgang der Achtundsechzigerzeit eine starke Aufbruchsstimmung gab. Viele glaubten: Wenn wir die Kirche nur modern genug machen, wird sie wieder voll. Wir müssen uns nur anpassen, dann kommen die Menschen zurück. Aus meiner Sicht hat sich gezeigt, dass das nicht funktioniert. Reine Anpassung an den Zeitgeist macht die Kirche nicht überzeugender, sondern austauschbarer.

Ralf M. Ruthardt

Austauschbar wie eine NGO, ein Wohlfahrtsverband, vielleicht ein politisch-moralischer Akteur unter anderen?

Patrick Gruhn

Genau. Dann wird das Markenbild unscharf, wenn man es mit Unternehmenssprache sagen will. Für jedes Unternehmen wäre es fatal, wenn der Markenkern verloren geht. Bei der Kirche ist es noch grundlegender: Wenn sie nicht mehr erkennbar sagt, worum es ihr eigentlich geht, warum sollte sich jemand tiefer mit ihr beschäftigen? Aufgabe der Kirche ist nicht, beliebt zu sein. Aufgabe der Kirche ist, die Botschaft zu verkünden – gelegen oder ungelegen.

Ralf M. Ruthardt

Ich möchte bewusst zuspitzen. Haben wir uns als Gesellschaft zu sehr auf Konsum, Produktion, Funktionieren und Nützlichkeit reduzieren lassen – und dadurch die Seele, den Sinn, den Blick auf das Transzendente verloren?

Patrick Gruhn

Ich würde widersprechen, zumindest als Hauptursache. Es gibt dieses Phänomen auch in sozialistischen Ländern oder in Milieus, in denen Konsum gerade nicht der prägende Faktor ist. Viele Menschen kommen kaum über die Runden, haben Sorgen um Miete, Essen und Alltag – und sind trotzdem nicht in der Kirche. Deshalb glaube ich nicht, dass Konsum der eigentliche Grund ist. Der tiefere Grund ist Oberflächlichkeit und fehlender Ernst. Es wird zu wenig gefragt: Wie lebe ich richtig? Was ist wahr? Worum geht es im Leben? Stattdessen: Brot und Spiele, Ablenkung, Unterhaltung.

Ralf M. Ruthardt

Also weniger Kapitalismuskritik, mehr Kritik an einem geistigen Zustand?

Patrick Gruhn

Ja. Die Kirche macht aus meiner Sicht einen Fehler, wenn sie sich einfach in eine modische Kapitalismuskritik einreiht. Dann klingt sie wie die nächste linke Partei oder wie eine Gewerkschaft. Das trifft nicht den Kern. Der eigentliche Kausalgrund ist aus meiner Sicht eher der Relativismus: Alles sei irgendwie gleich gut, alle Religionen seien gleich, jeder gehe seinen Weg, und deshalb solle man am besten gar nicht mehr missionieren. Wenn alles gleich gültig ist, wird am Ende alles gleichgültig. Dann verliert auch der Glaube seinen Ernst.

Ralf M. Ruthardt

Das ist für liberale Ohren ein anspruchsvoller Punkt. Freiheit bedeutet doch zunächst, dass Menschen nicht bevormundet werden. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Freiheit und Beliebigkeit?

Patrick Gruhn

Freiheit heißt nicht, dass Wahrheit verschwindet. Natürlich kann man niemanden zum Glauben zwingen. Aber daraus folgt nicht, dass man aufhört zu sagen: Das halten wir für wahr. Die Kirche darf nicht so tun, als sei ihre Botschaft nur eine spirituelle Option unter vielen, die man je nach Stimmung auswählt. Sie muss ein Angebot machen, aber ein ernstes Angebot.

Ralf M. Ruthardt

Zugleich erleben wir eine merkwürdige Gleichzeitigkeit: Einerseits heißt es, jeder dürfe alles. Andererseits wird es gerade für Kirche oder Christen schnell eng, wenn sie öffentlich mit Wahrheitsanspruch sprechen.

Patrick Gruhn

Das ist eine seltsame gesellschaftliche Situation. Einerseits wird gesagt: Jeder kann machen, was er möchte. Andererseits gilt das offenbar nicht gleichermaßen für jene, die als Teil einer alten religiösen oder kulturellen Tradition wahrgenommen werden. Dann heißt es schnell: Ihr dürft das nicht, ihr seid alte Elite, alte Moral, alte Macht. Eine offene Gesellschaft müsste auch diesen Stimmen Raum geben – gerade wenn sie nicht im Zeitgeist aufgehen.

Ralf M. Ruthardt

Sie haben mehrfach Begriffe verwendet wie Tiefgang, Bildung, Ernsthaftigkeit. Im Magazin MITMENSCHENREDEN bekomme ich auf lange Interviews überraschend positive Rückmeldungen: Endlich wieder ausführlich, heißt es dann von Leserinnen und Lesern. Gibt es zunehmend Menschen, die wieder bereit sind, eine halbe Stunde einen Artikel oder ein Interview zu lesen, wenn der Inhalt trägt?

Patrick Gruhn

Absolut. Eines der großen Probleme unserer Zeit ist, dass viele Menschen nur noch Überschriften lesen. Social Media hat das verstärkt. Es gibt Fälle, in denen Artikel geteilt werden, obwohl im Artikel selbst das Gegenteil dessen steht, was die Überschrift nahelegt. Das ist eine Form von Oberflächlichkeit, die viel zerstört. Sie verhindert ernsthaftes Nachdenken. Und ohne ernsthaftes Nachdenken wird auch der Glaube nicht verstanden.

Ralf M. Ruthardt

Aber die Medienrealität ist fragmentiert. Manche wollen die dreiseitige Analyse, andere nur eine halbe Seite Zusammenfassung. Ist das nicht auch eine Chance für KI?

Patrick Gruhn

Ja. Gerade hier kann KI sehr hilfreich sein. Sie kann lernen, welche Tiefe ein Mensch sucht. Der eine möchte eine knappe Zusammenfassung, der andere eine ausführliche Analyse. KI kann aus drei Seiten eine halbe Seite machen oder einen kurzen Text durch zusätzliche Zusammenhänge vertiefen. Aber das Ziel darf nicht sein, Menschen noch oberflächlicher zu machen. Es muss darum gehen, den Zugang zur Tiefe zu erleichtern.

Ralf M. Ruthardt

Die Zumutung der Tiefe steht gegen die permanente Ablenkung. Man hat den Eindruck, viele fürchten, mit einem langen Text Lebenszeit zu verschwenden – und verlieren dieselbe Zeit dann beim Scrollen.

Patrick Gruhn

Genau. Noch nie hatten Menschen so viel Zeit wie heute, und zugleich wird unglaublich viel Zeit verschwendet. Manche empfinden Lesen als Zeitverschwendung, die Messe als Zeitverschwendung, das Anzünden einer Kerze als Ressourcenverschwendung. Man versteht nicht mehr, was ein Zeichen bedeutet. Der Ernst des Lebens wird nicht wahrgenommen. Viele leben, als könnten sie es im nächsten Leben anders machen. Aber es gibt nicht mehrere Leben auf Probe. Das eine Leben muss ernst genommen werden.

Ralf M. Ruthardt

Mich beschäftigt an dieser Stelle das Bild der Kerze. Jemand entzündet eine Kerze in einer Kirche und verbindet damit ein Gebet, einen Schmerz, eine Hoffnung. Dieses leise Momentum steht im Wettbewerb zu einer bunten Belanglosigkeit, die überall verfügbar ist. Ist das der Punkt, an dem eine säkulare Gesellschaft neu verstehen müsste, was Sinn heißt?

Patrick Gruhn

Ja, und genau hier wird das katholische Verständnis des Sakraments wichtig: ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit. Viele denken: Gott ist etwas rein Innerliches. Es braucht nur mich und Gott, alles andere ist Beiwerk. Das ist aus katholischer Sicht ein Trugschluss. Der Mensch braucht Zeichen, Gesten, sichtbare Formen. Er ist visuell geprägt. Deshalb gibt es Kirchenräume, Kerzen, Kelche, liturgische Formen. Das ist nicht Dekoration.

Ralf M. Ruthardt

Für kirchenferne Leserinnen und Leser klingt das womöglich fremd. Warum goldene Kelche, warum sakrale Räume, warum Rituale?

Patrick Gruhn

Weil in den Sakramenten nach katholischem Verständnis wirklich etwas geschieht. Die Eucharistie ist nicht einfach ein kultureller Ritus, kein Volksfest, keine Theateraufführung in schönen Gewändern. Bei der Taufe geschieht etwas. Bei der Eucharistie geschieht etwas. Die äußeren Zeichen weisen auf diese Wirklichkeit hin. Eine Kerze anzuzünden ist in diesem Sinn auch eine Form von Opfer, ja von Verschwendung – aber nicht sinnlose Verschwendung, sondern Verschwendung für Gott. Diese Kategorie ist vielen fremd geworden.

Ralf M. Ruthardt

Dann wäre die Aufgabe von Medien und KI nicht, das Heilige zu ersetzen, sondern überhaupt wieder verständlich zu machen, dass es so etwas wie das Heilige gibt.

Patrick Gruhn

Ja. Genau das versuchen wir mit K-TV und auch mit KI-Angeboten: Antworten zu geben, Verständnis zu eröffnen, Menschen dahin zu führen, dass sie begreifen: Hier passiert etwas im Unsichtbaren. Die sichtbaren Zeichen zeigen darauf hin. Es ist nicht Show, nicht Kostüm, nicht bloße Tradition. Es geht um Wirklichkeit. Wenn Medien das vermitteln helfen, dann haben sie einen echten Dienst geleistet.

Ralf M. Ruthardt

Lieber Herr Prof. Gruhn, herzlichen Dank. Ich nehme aus unserem Gespräch drei Linien mit: Technik kann dienen, darf aber nicht ersetzen. Kirche muss ihren Kern wieder kenntlich machen, statt sich in Anschlussfähigkeit zu verlieren. Und eine säkulare Gesellschaft braucht vielleicht weniger schnelle Meinungen und mehr Bereitschaft, sich dem Ernst des Lebens wieder auszusetzen.

Patrick Gruhn

Das fasst es gut zusammen. Entscheidend ist, dass wir den Tiefgang wiederfinden. Ohne Tiefgang wird alles austauschbar. Mit Tiefgang können Medien und KI helfen. Aber der Kern bleibt der Glaube selbst – und die Begegnung mit dem, was nach katholischem Verständnis im Sakrament wirklich geschieht.

Zur Person

Prof. Patrick Gruhn ist CEO von Perpetuals (Nasdaq: PDC) und CEO des katholischen Fernsehsenders K-TV. Als Softwareentwickler, Jurist und Universitätsprofessor verbindet er über zwei Jahrzehnte Erfahrung in den Bereichen Fintech, künstliche Intelligenz und Finanzrecht. Zudem engagiert er sich aktiv in der akademischen Forschung und internationalen philanthropischen Initiativen.

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