Rund 65.000 Jugendliche verließen im Schuljahr 2024/25 die allgemeinbildenden Schulen ohne mindestens einen Hauptschulabschluss. Ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für UNICEF beziffert die langfristige fiskalische Differenz zwischen benachteiligt und nicht benachteiligt aufwachsenden Kindern auf durchschnittlich 216.500 Euro. Kein Preisschild für einen Menschen, sondern eine Modellrechnung über entgangene Einnahmen und zusätzliche Ausgaben. Der Bamberger Unternehmer Heribert Trunk fördert mit der Chance Jugend Stiftung junge Menschen beim Weg in ein eigenständiges Leben. Was läuft falsch in einem Land, das viel Geld für Bildung und Soziales ausgibt?

Das Gespräch
Ralf M. Ruthardt

Heribert Trunk, 216.500 Euro weniger für den Staat – so beziffert das IW die fiskalischen Folgen eines benachteiligten Starts ins Leben. Ist das ein Bildungsproblem oder eine gigantische Verschwendung?

Heribert Trunk

Beides. Mich ärgert aber vor allem das verschenkte Potenzial. Wir diskutieren über Fachkräftemangel und übersehen gleichzeitig junge Menschen, denen niemand etwas zutraut. Als Unternehmer würde ich fragen: Welche Fähigkeiten lassen wir brachliegen? Und weshalb merken wir es erst, wenn es teuer wird?

Ralf M. Ruthardt

Deutschland hat Schulen, Jobcenter, Jugendämter und Förderprogramme. Es fehlt also kaum an Institutionen. Woran dann?

Heribert Trunk

Wir haben viele Angebote, aber nicht automatisch einen Weg für den einzelnen Jugendlichen. Da gibt es familiäre Probleme, Schulden, schlechte Schulerfahrungen, manchmal auch Sucht oder psychische Belastungen. Für jeden Teil ist jemand anders zuständig. Wer nicht in dieses Raster passt, verschwindet leicht daraus. Ein Bewilligungsbescheid ist noch keine Beziehung. Und ohne Vertrauen erreicht man diese jungen Menschen oft nicht.

Ralf M. Ruthardt

In Berlin-Marzahn-Hellersdorf werden Jugendliche von Sozialarbeitern teilweise bis zu zehnmal an ihrer Wohnungstür aufgesucht. Die von Ihrer Stiftung unterstützte Manege setzt genau darauf. Ist es nicht absurd, dass Hilfe den Menschen hinterherlaufen muss?

Heribert Trunk

Zunächst klingt es absurd. Aber wer wiederholt gescheitert ist, macht nicht plötzlich begeistert einen Beratungstermin aus. Manche müssen erst erfahren, dass jemand wirklich bleibt. Der Beratungsbus der Manege bringt Unterstützung dorthin, wo die Jugendlichen sind. Für mich ist das die entscheidende Frage: Organisieren wir Hilfen für unsere Verwaltungsabläufe oder so, dass sie tatsächlich angenommen werden?

Ralf M. Ruthardt

Sie sagen also: Der Staat wartet auf den Antrag, während der Jugendliche längst verloren geht?

Heribert Trunk

So pauschal wäre das unfair gegenüber vielen engagierten Fachkräften. Aber das System ist häufig auf Zuständigkeit und Nachweise ausgerichtet. Wir müssen stärker vom Ergebnis her denken. Wer erreicht jemanden? Was verändert sich? Kommt er wieder in Schule, Ausbildung oder Arbeit? Dafür braucht es Freiraum, verlässliche Ansprechpartner und weniger Reibungsverluste.

Ralf M. Ruthardt

Noch ein Beispiel aus Sachsen: Laut einem Whitepaper Ihrer Stiftung finanziert das Land seit 2017 die Beschulung einer bestimmten Gruppe über 18-Jähriger ohne Schulabschluss nicht mehr. Ihre Stiftung hilft, die Lücke zu schließen. Spart sich der Staat hier arm?

Heribert Trunk

Die Frage drängt sich auf. Bei Don Bosco Sachsen geht es um junge Erwachsene, die für den Einstieg in einen Beruf zusätzliche Unterstützung brauchen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, kann uns das später wesentlich mehr kosten. Natürlich muss jede Maßnahme auf ihre Wirkung geprüft werden. Aber kurzfristig einen Haushaltsposten zu streichen und langfristige Folgen auszublenden, ist keine gute Rechnung.

Ralf M. Ruthardt

Die IW-Studie bewertet Akademiker fiskalisch viel höher als Menschen mit Berufsausbildung. Steuern wir damit auf eine Gesellschaft zu, in der nur noch das Studium als Erfolg zählt?

Heribert Trunk

Das wäre ein schwerer Fehler. Wir brauchen qualifizierte Handwerker, Facharbeiter, Techniker und Pflegekräfte genauso wie Akademiker. Ein junger Mensch, der eine Lehre abschließt, eigenes Geld verdient und Verantwortung übernimmt, ist keine zweite Wahl. Die entscheidende Frage lautet nicht: Hat er studiert? Sondern: Kann er seine Fähigkeiten entwickeln und sein Leben selbst gestalten?

Ralf M. Ruthardt

Sie waren selbst Unternehmer. Ist die Wirtschaft nicht mitverantwortlich, wenn sie Fachkräfte fordert, aber Jugendliche ohne makelloses Zeugnis aussortiert?

Heribert Trunk

Ja. Betriebe dürfen sich nicht nur die bequemsten Bewerber wünschen. Ein Praktikum, ein geduldiger Ausbilder oder eine zweite Chance können viel verändern. Das kostet zunächst Zeit. Aber der Mittelstand weiß eigentlich, dass man Menschen entwickeln muss. Natürlich kann nicht jeder Betrieb jedes Problem auffangen. Verantwortung bedeutet auch, Grenzen ehrlich zu benennen und mit anderen zusammenzuarbeiten.

Ralf M. Ruthardt

Hilfe zur Selbsthilfe ist Ihr Leitgedanke. Klingt gut – bis einer überhaupt nicht in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen. Was dann?

Heribert Trunk

Dann beginnt die Arbeit eben früher. Wer keine sichere Unterkunft hat oder niemandem vertraut, denkt nicht zuerst an seine Karriere. Manchmal geht es zunächst um Essen, Stabilität und einen Menschen, der zuhört. Erst danach kommen Motivation, Bildung, Ausbildung und Arbeit. Eigenverantwortung ist das Ziel – nicht die Eintrittskarte, die jemand vorzeigen muss, bevor wir helfen.

Ralf M. Ruthardt

Als Unternehmer verlangen Sie Ergebnisse. Können Sie eigentlich nachweisen, dass Ihre Stiftung wirkt – und nicht nur gute Geschichten produziert?

Heribert Trunk

Daran müssen wir uns messen lassen. Mich interessiert nicht nur, wie viele Jugendliche ein Angebot nutzen. Entscheidend ist, was danach geschieht: ein Schulabschluss, eine begonnene oder abgeschlossene Ausbildung, eine stabile Beschäftigung, manchmal zunächst ein geregelter Alltag. Wir müssen Entwicklungen systematischer nachhalten. Ein schönes Foto ist kein Wirkungsnachweis. Und bei Rückschlägen müssen wir fragen, was wir verbessern können.

Ralf M. Ruthardt

Eine kritische Nachfrage: Wenn private Stiftungen Löcher stopfen, entlasten sie nicht gerade jene Politik, die diese Löcher entstehen ließ?

Heribert Trunk

Dieses Risiko gibt es. Eine Stiftung darf nicht zum dauerhaften Reparaturbetrieb für schlechte staatliche Entscheidungen werden. Wir können schneller ausprobieren, gezielt ergänzen und Erfahrungen sammeln. Der Staat muss aber seine Verantwortung wahrnehmen. Ich würde mir wünschen, dass er erfolgreiche Ansätze prüft und übernimmt, statt für jede neue Herausforderung zunächst ein neues Programm aufzulegen.

Ralf M. Ruthardt

Wenn Sie morgen mit dem Bundeskanzler über Bildung sprechen könnten: Was würden Sie verlangen – mehr Geld oder weniger Staat?

Heribert Trunk

Ich würde zuerst verlangen, dass wir konsequent hinschauen, welche Maßnahmen junge Menschen tatsächlich voranbringen. Danach richtet sich, wofür wir Geld einsetzen. Wir brauchen gute Schulen und verlässliche Hilfen, aber nicht immer neue Formulare und Zuständigkeiten. Und wir brauchen die Betriebe als Partner. Mehr Geld ohne bessere Wirkung wäre zu wenig; bloßes Sparen am falschen Ende ebenso.

Ralf M. Ruthardt

Zum Schluss eine unbequeme Frage an den Unternehmer: Machen wir nicht schon einen Denkfehler, wenn wir den Wert eines jungen Menschen in künftigen Steuern und Sozialabgaben berechnen?

Heribert Trunk

Doch, wenn wir ihn darauf reduzieren. Die Zahlen können der Politik zeigen, wie teuer unterlassene Hilfe wird. Aber der Wert eines Menschen steht in keiner Bilanz. Ein Jugendlicher, der wieder Vertrauen fasst, eine Ausbildung schafft und selbstbestimmt lebt, hat mehr gewonnen als ein höheres Steueraufkommen. Das ist für mich der eigentliche Ertrag. Wirtschaftlich vernünftig zu handeln und menschlich zu denken, widerspricht sich nicht.

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