Er spricht über soziales Engagement nicht wie ein klassischer Stifter. Es ist die Rede von Produkt, Vertrieb, Kennzahlen und Exit-Strategien. Das klingt zunächst nach Wirtschaft, und es ist wohl genau so gemeint. Hinter der Härte der Begriffe steht allerdings eine sehr persönliche Geschichte: Trunk weiß aus eigener Erfahrung, wie entscheidend ein Mensch sein kann, der einem Jugendlichen im richtigen Moment eine Perspektive eröffnet. Im Gespräch mit Ralf M. Ruthardt erklärt er, warum die Stiftung Chance Jugend nicht möglichst viele Maßnahmen finanzieren will, sondern möglichst viele Lebenswege junger Menschen nachhaltig verändern.
Das GesprächLieber Heribert Trunk, Sie haben sinngemäß gesagt: Wir können nicht jedem helfen. Das ist für eine Stiftung zunächst ein bemerkenswert nüchterner Satz. Wenn Hilfe begrenzt ist – wie entscheiden Sie, wem Sie eine Chance geben?
Vielleicht muss ich dafür einen Schritt zurückgehen. Ich war 13 oder 14, als ich selbst ziemlich am Ende war. Mein Vater hatte ein massives Alkoholproblem. Ich hatte schon als Kind das Gefühl, Verantwortung für meine Mutter und meine beiden Schwestern tragen zu müssen; mit neun Jahren habe ich faktisch angefangen, mich in der elterlichen Firma unternehmerisch einzumischen. Irgendwann bin ich von zu Hause abgehauen und wollte nicht mehr weitermachen. Bei den Salesianern Don Boscos begegnete mir ein Pater. Der hat mich nicht missioniert und nicht bedrängt. Er sagte im Grunde nur: Setz dich her, du hast doch Hunger. Er ließ mich in Ruhe und war trotzdem da. Das hat mich auf einen anderen Weg gebracht. Ich wechselte die Schule, machte Wirtschaftsabitur und begann mein Leben neu und wirtschaftlich sehr erfolgreich zu ordnen.
Dann ist die Stiftung letztlich keine rein philanthropische Idee, die Ihnen irgendwann als erfolgreichem Unternehmer gekommen ist. Sie hat einen biografischen Kern.
Absolut. Damals habe ich mir vorgenommen: Wenn ich irgendwann einmal in der privilegierten Lage bin, anderen helfen zu können, dann will ich das tun. Das war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar. Ich war, salopp gesagt, ein armer Hund aus dem Scherbenviertel. Später hatte ich unternehmerisch Erfolg. Aber dieser Gedanke ist geblieben. Heute leite nicht nur ich die Stiftung Chance Jugend. Mich freut es besonders, dass inzwischen mein Sohn Julius Verantwortung übernimmt und damit zeigt, dass die nächste Generation Verantwortung übernimmt.
Sie verwenden dabei eine Sprache, die im Stiftungswesen eher ungewöhnlich ist. Sie sprechen von einem „Produkt“. Was ist denn das Produkt der Stiftung Chance Jugend?
Unser Produkt sind Perspektiven für junge Menschen. Ganz einfach. Unter dem Motto: Damit das Leben junger Menschen gelingt. Ich denke nun einmal in unternehmerischen und vertrieblichen Kategorien. Das kann man merkwürdig finden, aber es zwingt zur Klarheit. Was wollen wir eigentlich erreichen? Nicht einen schönen Jahresbericht. Nicht möglichst viele Teilnehmer auf einer Liste für eine der speziellen Weiterbildungsmaßnahmen. Sondern einen jungen Menschen, der am Ende eine echte Chance auf ein selbstbestimmtes Leben hat.
Und trotzdem sagen Sie sehr offen: Dieses Produkt funktioniert nicht bei allen. In der Sozialarbeit klingt Auswahl schnell herzlos. Wie lösen Sie diesen Widerspruch?
Indem wir uns nichts vormachen. Bei manchen Programmen beginnen wir mit allen Jugendlichen, zum Beispiel mit unseren „Straight Talks“ in der achten Schulklasse, also mit Schülerinnen und Schülern im Alter von etwa 13 bis 14 Jahren. Da geht es sehr elementar um Sexualität, Kondome, Menstruation, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen und um Rollenbilder. Danach wird die Förderung immer gezielter. Wir haben dafür eine Art Pyramide entwickelt. An ihrer Spitze stehen vielleicht fünf Prozent, bei denen wir tatsächlich eine sehr gute Perspektive erreichen können. Und diese fünf Prozent sollen wiederum Vorbilder für andere werden.
Fünf Prozent – das ist eine Zahl, an der sich manche stoßen dürften. Sie sagen also nicht: Wir retten alle. Sie sagen: Wir investieren dort besonders intensiv, wo aus Förderung Wirkung entstehen kann.
Genau. Nehmen Sie einen Jugendlichen, der immer nur erlebt hat: Der Vater trinkt, die Mutter wird unterdrückt, und so wird mein Leben eben auch. Woher soll ein anderes Bild kommen? Vielleicht kennt er einen Fußballstar und nimmt sich diesen als Vorbild. Aber der ist weit weg. Wenn dagegen jemand aus seiner Nachbarschaft plötzlich als Koch arbeitet, in der Solarbranche, im Service oder als Softwareentwickler – und vielleicht sogar ein kleines Auto vor der Tür stehen hat –, dann wird Zukunft konkret. Das sind Vorbilder, die den Alltag positiv prägen. Dann fragen sich junge Leute: Wie hat der das geschafft? Genau diesen Effekt brauchen wir.
Sie messen soziale Arbeit dabei fast so, wie ein Unternehmer einen Geschäftsbereich messen würde. Sie haben im Gespräch die Begriffe „Brutto“, „Netto 1“ und „Netto 2“ verwendet. Was steckt dahinter?
Brutto ist erst einmal jeder, der in eine Maßnahme eingebunden ist. Und Maßnahmen kann man unendlich produzieren. Wenn irgendwo Geld dafür da ist, findet sich im Zweifel sogar eine Fischereiausbildung in der Wüste – die Fische suchen wir später. Das interessiert mich nicht. Netto 1 heißt für uns: Wer findet nach einer Maßnahme tatsächlich einen Job? Netto 2 heißt: Wer hat diesen Job ein Jahr später immer noch? Ist die Netto-2-Quote gut, kann es neues Geld geben. Ist sie schlecht, fragen wir: Was ist passiert? Was müssen wir verändern? Interviews, Monitoring, Evaluation. Ich will Wirkung sehen, und zwar deshalb, weil die jungen Leute durch eine gerechte Bildung anschließend ihren Lebensunterhalt verdienen sollen.
Das ist für eine gemeinnützige Stiftung eine ziemlich harte Logik.
Ich bin eben nicht der Sozialpädagoge, der mit einem Projektantrag kommt, und auch nicht der Theologe, der zitiert: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Ich bin Unternehmer und handle als solcher: Wenn Netto 2 nicht stimmt, gibt es eine Exit-Strategie. Das ist nicht herzlos. Im Gegenteil: Geld, Zeit und Aufmerksamkeit sind begrenzt. Wenn etwas nicht funktioniert, ist es gegenüber den jungen Menschen geradezu fahrlässig, jahrelang so zu tun, als wäre alles wunderbar.
Entscheidend ist dann offenbar auch, ob das Gelernte tatsächlich am Arbeitsmarkt gebraucht wird.
Natürlich. Ich frage: Will die Wirtschaft das, was wir vermitteln, oder braucht sie etwas anderes? In Kapstadt unterstützen wir beispielsweise junge Leute beim Einstieg in die Softwareentwicklung. Ein Teil arbeitet anschließend online für ein europäisches Unternehmen. Das ist doch der Punkt: Lernen darf nicht Selbstzweck sein. Es muss eine Perspektive entstehen. Und wenn andere Jugendliche sehen, dass jemand aus ihrem Umfeld mit Fleiß und Können sein Leben verändert, ist das stärker als jede Hochglanzbroschüre.
Sie übertragen damit unternehmerische Prinzipien auf gesellschaftliches Engagement. Gilt das auch für die Finanzierung?
Ja. Wir arbeiten ehrenamtlich. Wenn bei uns 100 Euro für eine Einrichtung eingehen, sollen dort auch 100 Euro ankommen. Das ist ein starkes Argument gerade gegenüber mittelständischen Unternehmern. Viele würden gern etwas tun, haben aber weder Lust noch Zeit, selbst eine Stiftung mit Stiftungsaufsicht, Gemeinnützigkeit und dem ganzen administrativen Apparat aufzubauen. Dann sagen sie: Heribert, ich gebe dir Geld für dieses konkrete Projekt – und ich weiß, dass du hinschaust. Genau daraus entsteht Vertrauen.
Sie kritisieren zugleich eine deutsche Eigenart: Gutes tun und möglichst nicht darüber sprechen.
Ja. In Deutschland heißt es schnell: Tue Gutes und rede bloß nicht darüber, sonst kommt noch Neid auf. In den USA tut man Gutes und redet darüber, damit andere mitmachen. Ich will nicht sagen, dass das eine richtig und das andere falsch ist. Aber ein bisschen mehr Offenheit würde uns guttun. Philanthropie braucht Vorbilder. Genauso, wie Jugendliche Vorbilder brauchen. Wenn ein Unternehmer sagt, warum er ein Projekt unterstützt, kann das weitere Unternehmer motivieren.
Ihre Stiftung arbeitet sowohl in Deutschland als auch international. Warum diese Zweiteilung?
Weil Not und fehlende Perspektiven nicht an einer Landesgrenze enden. Wir verteilen unsere Mittel ungefähr zur Hälfte national und zur Hälfte international. In Deutschland unterstützen wir zum Beispiel Einrichtungen, die Kinder kurzfristig in Obhut nehmen, wenn das Jugendamt sie aus einer gefährdenden Familiensituation holen muss. Die öffentliche Hand finanziert dann häufig Betreuung und laufende Leistungen. Aber Betten, Küche, Sicherheitsausstattung oder die grundlegende Infrastruktur müssen die Einrichtungen zunächst einmal haben. Wenn diese Basis fehlt, kann die Hilfe im entscheidenden Moment gar nicht stattfinden. Genau dort springen wir ein.
Das ist ein interessanter Punkt: Der Sozialstaat finanziert eine Leistung und setzt dabei teilweise voraus, dass die Infrastruktur dafür schon existiert. Private Hilfe füllt also eine Lücke, ohne die die staatliche Hilfe gar nicht greifen könnte.
So ist es. Und wir dürfen nicht den Fehler machen, daraus einen Wettbewerb Staat gegen privat zu konstruieren. Es gibt Dinge, die öffentliche Systeme gut können, und es gibt Lücken, bei denen eine Stiftung schneller oder pragmatischer handeln kann. Wichtig ist, dass am Ende nicht der Jugendliche zur Nummer wird, die abgearbeitet werden muss. Jeder junge Mensch ist ein individuelles Ereignis. Dafür braucht es Menschen vor Ort, die die Kompetenz und die Nähe haben. Ich selbst habe diese sozialpädagogische Kompetenz nicht.
Wir ertüchtigen und unterstützen Einrichtungen vor Ort, die mit Menschen vor Ort und der lokalen DNA, der Kultur und dem ganzen Hintergrund geführt werden. Wenn ein deutscher unternehmerischer Perfektionist in die Führung dieser Einrichtung einsteigt, funktioniert vielleicht alles besser, aber zum Schluss macht niemand mehr mit, weil deren kultureller Hintergrund ihre Art des Arbeitens vorgibt.
Gerade in Afrika wäre es für einen erfolgreichen deutschen Unternehmer vermutlich sehr leicht, mit Geld auch gleich die Richtung vorgeben zu wollen.
Genau deshalb haben wir in den Einrichtungen, die wir unterstützen, grundsätzlich keinen Director-Sitz oder Board-Sitz. Wir wollen gar nicht alles bestimmen. Ich kenne mich: Wenn ich in einen Raum komme, 20 Leute sitzen am Tisch und der Platz am Kopfende ist frei, setze ich mich dort hin und organisiere das Meeting. So bin ich konditioniert. In Afrika musste ich lernen, dass meine direkte deutsche Art vieles kaputtmachen kann. Ich muss mich dort bewusst zurücknehmen. Hilfe funktioniert nicht, wenn wir den Leuten sagen: Jetzt erklären wir euch einmal, wie ihr euer Leben zu führen habt.
Damit sind wir bei der Entwicklungszusammenarbeit. Sie verbinden Ihre Projekte ausdrücklich auch mit dem Thema Migration. Ist die beste Fluchtursachenbekämpfung am Ende eine konkrete Lebensperspektive vor Ort?
Davon bin ich überzeugt. Die meisten jungen Menschen wollen nicht unbedingt flüchten. Sie wollen ein besseres Leben. Das wollte ich mit 13 oder 14 auch. Ich hatte nur andere Möglichkeiten und bin, wenn Sie so wollen, in Leistung geflüchtet. Wenn wir in afrikanischen Ländern Perspektiven schaffen und daraus ein Schneeballeffekt entsteht, dann reduziert das auch den Druck, die Heimat verlassen zu müssen. Gleichzeitig wird Deutschland auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen bleiben. Das ist kein Widerspruch: Wir brauchen Entwicklung vor Ort und wir brauchen geordnete, qualifizierte Zuwanderung.
Ich sehe dabei noch eine zweite Seite. Ein 16- oder 17-Jähriger, den eine Großfamilie mit ihren gesamten Ersparnissen Richtung Europa schickt, trägt eine Erwartungslast, die kaum zu bewältigen ist. Er soll Erfolg haben, Geld zurückschicken, vielleicht eine ganze Familie versorgen und trifft dann auf eine völlig andere Wirklichkeit. Wir schaffen mitunter selbst einen Druck, den wir anschließend als Migrationsproblem diskutieren.
Ja. Deshalb müssen wir viel früher ansetzen. Perspektive bedeutet eben nicht, jemanden möglichst schnell irgendwohin zu bringen. Perspektive heißt, dass ein junger Mensch eine realistische Möglichkeit bekommt, sein Leben zu gestalten: mit Bildung, Arbeit und einem Umfeld, in dem er andere Lebensmodelle sehen kann. Darum sind für mich Vorbilder so entscheidend.
Sie sprechen viel über Unternehmer als Spender und Philanthropen. Gleichzeitig beklagen Sie, dass das öffentliche Bild des Unternehmers häufig vom Großkonzern, vom Managergehalt oder vom Skandal geprägt wird. Was fehlt Ihnen in dieser Debatte? Ist es, dass Mittelständler genauso empfinden und für das Ökosystem um ihre Firma herum im Vereinswesen, in der Kultur und vielen weiteren gesellschaftlichen Bereichen existenziell wichtig sind, weil sie sich engagieren?
Der Mittelständler fehlt. Der Unternehmer, der dem Sportverein die Trikots bezahlt, damit Jugendarbeit stattfinden kann. Der eine Veranstaltung unterstützt, eine soziale Einrichtung oder ein Projekt. Als Unternehmer war für mich nie nur interessant, was am Jahresende unter dem Strich steht. Wenn ich durch einen Betrieb mit 300 Beschäftigten ging, dachte ich: Da hängen vielleicht 700 oder 800 Menschen mit ihren Familien daran, dass diese Firma funktioniert. Das hat mich stolz gemacht. Aber viele Mittelständler erzählen solche Geschichten nicht. Und dann darf man sich auch nicht wundern, wenn andere das Bild des Unternehmertums zeichnen.
Wenn wir zum Schluss wieder bei dem Jugendlichen ankommen, mit dem wir begonnen haben: Wann würden Sie sagen, die Stiftung hat ihre Aufgabe erfüllt?
Wenn aus Hilfe Eigenständigkeit geworden ist. Wenn ein junger Mensch nicht mehr Empfänger einer Maßnahme ist, sondern sein Leben selbst gestalten kann. Ein Job ist dafür ein wichtiger Indikator, aber nicht der einzige. Mit anderen Worten: Jungen Menschen soll ein gutes Leben gelingen. Ein Leben, das sie von ihrer Hände Arbeit gestalten können, weil sie qualifiziert wurden.
Entscheidend ist, dass jemand eine Perspektive sieht und im besten Fall selbst zum Vorbild für den Nächsten wird. Dann entsteht aus einer Chance eine Kette von Chancen. Genau das ist unser Produkt.
Zur Person
Heribert Trunk ist Unternehmer und engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich. Im Gespräch verweist er unter anderem auf seine frühere Tätigkeit als IHK-Präsident und sein Engagement in Wirtschafts- und Bildungsinstitutionen. Mit der Stiftung Chance Jugend unterstützt er gemeinsam mit Mitstreitern Projekte in Deutschland und Afrika, die jungen Menschen konkrete Bildungs-, Arbeits- und Lebensperspektiven eröffnen sollen.



