Afrika neu gelesen

Grenzenlose Naivität

von Veronika Wetzel

Mit KI erstellt

Afrika ist kein Kontinent der einfachen Wahrheiten, sondern eine Region widersprüchlichen Entwicklungen, politischer Dynamiken und gesellschaftlicher Aufbrüche. In dieser Kolumne öffnet Veronika Wetzel den Blick für Perspektiven, die hierzulande oft übersehen werden. Sie erzählt von einem Afrika, das differenziert betrachtet werden will: nahbar, überraschend und voller Stimmen, die es zu hören lohnt.

„Grenzen töten Menschen!“ Was wie ein plakativer Ausruf der Fraktionsvorsitzenden der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, klingt, steht tatsächlich in einem Beschluss der Grünen Jugend, der auf ihrem letzten Bundeskongress verabschiedet wurde. Auch die Jusos stoßen ins gleiche politische Horn. „Wir fordern die linke Vision einer europäischen Migrationspolitik, die nicht die Logik von Grenzen reproduziert“, verkünden die Jungsozialisten auf ihrem Bundeskongress. Auf ihrer Webseite werden sie noch deutlicher: Dort erklärt die Jugendorganisation der SPD, dass sie für „No borders“ – also keine Grenzen – steht.

Nun könnte man das Gerede von einer Welt ohne Grenzen als Hirngespinst linker Nachwuchsparteien abtun, die sich in ihrem Elfenbeinturm lieber mit absurden Ideen als mit der Lebensrealität der Menschen beschäftigen. Doch so einfach ist es nicht. Das „No Border“-Movement hat in den vergangenen Jahren gerade unter jungen Menschen immer mehr Zuspruch erfahren. Offene Grenzen reichen nicht mehr aus, nein – Grenzen sollen ganz abgeschafft werden.

Gerade an Universitäten propagieren linke Aktivisten das Bild einer harmonischen Welt, in der alle Menschen ohne Grenzen friedlich zusammenleben und sich jeder frei dorthin bewegen kann, wohin er will. Die AStA-Zeitung der Goethe-Universität Frankfurt bespricht in einer Ausgabe das Buch „Grenzen und Bewegungsfreiheit“ von Fabian Georgi, in dem er offene Grenzen für alle fordert. Das Abonnement der Zeitschrift ist freundlicherweise bereits im Semesterbeitrag enthalten – damit unterstützt jeder Student das Magazin, ob er will oder nicht.

An der Universität Hildesheim wurde im Semester 2017/18 ein Projekt mit dem Namen „No borders, no problem“ angeboten, in dem es um „Aktivismus an den europäischen Grenzen“ ging. Aus diesem Projekt ist nach eigenen Angaben inzwischen ein europäisches Netzwerk entstanden. „No borders, no problem“ setzt sich unter anderem für eine „kritisch-aktivistische Migrations- und Grenzregimeforschung“ ein, wie es auf der eigenen Webseite heißt. Dass Forschung gerade nicht aktivistisch, sondern objektiv und ergebnisoffen sein sollte, scheint diesen Leuten wohl kein Begriff zu sein.

Nun kann man sicherlich hinterfragen, wie repräsentativ solche aktivistischen Gruppen und Studentenvertretungen tatsächlich für die Studenten und die Jugend insgesamt sind. Doch auch Umfragen zeigen, dass es unter vielen Jugendlichen einen starken Linksdrall gibt. So ergab die „Studie Jugend in Deutschland 2026“, dass 25 Prozent der 14- bis 29-Jährigen die Linke wählen würden. Und im Parteiprogramm der Linken heißt es: „Wir fordern offene Grenzen für alle Menschen.“ Das ist zwar noch keine direkte Forderung nach der Abschaffung von Grenzen. Einzelne Kreisverbände der Linken werden jedoch deutlicher. So steht auf der Webseite des Kreisverbands Rosenheim: „Wir wollen eine Welt ohne Grenzen.“

Wie naiv diese Vorstellung ist und dass sie in der Realität nichts taugt, zeigt ein Blick nach Afrika. Dort gibt es zahlreiche umherziehende Nomadenstämme, die sich bekriegen, weil sie das Konzept territorialer Grenzen nicht kennen und deshalb in Konflikte über die Nutzung von Wasserstellen und Weideland geraten.

Ein Beispiel dafür sind die Turkana und die Dassanech im äthiopisch-kenianischen Grenzgebiet. Beide sind traditionell nomadische Viehzüchter, die rund um den Turkana-See leben. Weil sich die beiden Stämme bei der Nutzung von Weideland und Wasserressourcen immer wieder in die Quere kommen, kommt es regelmäßig zu gegenseitigen Angriffen, Viehraub und Vergeltungsschlägen. Die Region ist deshalb seit Jahren ein Konfliktherd.

Eine ähnliche Situation herrscht an der Grenze zwischen Sudan und Südsudan. Dort wird die Region Abyei sowohl von den Ngok Dinka als auch von den Misseriya genutzt und beansprucht. Die Landwirtschaft betreibenden Ngok Dinka betrachten Abyei als ihr angestammtes Territorium. Die Misseriya sind arabische Viehhalter und Händler aus Kordofan, die seit Generationen während der Trockenzeit mit ihren Herden saisonal nach Süden in das Gebiet ziehen, um dort Wasser und Weideflächen zu nutzen und Dürren zu entgehen. Auch zwischen diesen beiden Gemeinschaften bestehen seit Jahrzehnten Konflikte über Landbesitz sowie über den Zugang zu Wasser- und Weideressourcen. Der Konflikt trägt dazu bei, dass bis heute ungeklärt ist, zu welchem Staatsgebiet Abyei eigentlich gehört.

Auch die Situation mit den Fulani-Hirten in Nigeria zeigt, dass territoriale Unklarheiten nicht gerade befriedend wirken. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich infolge des Bevölkerungswachstums die landwirtschaftlich bearbeiteten Flächen in Nigeria ausgeweitet, und viele alte Weiderouten der Fulani-Hirten wurden in Ackerland umgewandelt. Die Fulani-Hirten treiben ihr Vieh dennoch weiterhin entlang ihrer alten Routen über die Felder der Bauern und zerstören dabei deren Ernten. Die Landwirte wiederum versperren Durchgangswege für die Hirten.

Der Konflikt hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter hochgeschaukelt: Fulani zündeten Felder an und es kam zunehmend zu bewaffneten Überfällen. Laut den Vereinten Nationen sterben durch die Konflikte zwischen Hirten und Landwirten inzwischen mehr Menschen in Nigeria als durch islamistischen Terror.

All diese Beispiele zeigen: Grenzlosigkeit führt eben nicht zu einem harmonischen Zusammenleben aller Völker, sondern vielmehr zu Chaos und Willkür. Zugespitzt formuliert: Nicht Grenzen töten – sondern keine Grenzen zu haben, tötet.

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